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    Der Bund Deutscher Arbeitgeber lud zum diesjährigen Arbeitgebertag nach Berlin ein. Wo die Spitzenpolitiker:innen Deutschlands zugegen sind, lassen sich auch Unternehmensvertreter:innen nicht lange bitten. “Arbeitswelt der Zukunft” lautete das diesjährige Motto - der Abbildung dieses Leitsatzes kam die Veranstaltung allerdings nur teilweise nach. 

    Eva Stock ist Head of Business Relations bei Jobufo°. Ihre Erlebnisse als langjährige HR-Expertin auf dem Deutschen Arbeitgebertag 2019 fasst sie in diesem persönlichen Bericht zusammen.

    Mein erster Arbeitgebertag in Berlin. Ich bin mit durchaus hohen Erwartungen an diesen Kongress der Spitzenpolitiker:innen und Vertreter:innen der größten Arbeitnehmerverbände in Deutschland gegangen. Insbesondere durch das diesjährige Motto “Arbeitswelt der Zukunft” erhoffte ich mir aufschlussreiche Erkenntnisse für unser HR-Tech-Unternehmen.

    Bühne für Politik und Unternehmen

    Das Veranstaltungshotel war gut besucht. Es wurde nicht versäumt, mehrfach darauf hinzuweisen, dass man sich hier im "nicht so schicken Teil Berlins" (also Neukölln) befinde. Angesichts der Lebensrealität der deutschen Durchschnittsbevölkerung war diese wiederkehrende Bemerkung schlicht unangemessen. Neukölln bildet meines Erachtens die Mitte der deutschen Gesellschaft deutlich besser ab als die betuchten Berliner Stadtbezirke Mitte oder Prenzlauer Berg (wo ich wohne).

    Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer eröffnete  die Veranstaltung mit den Worten “Herzlichen Willkommen zum Deutschen Arbeitgebertag 1919”. Ob dieser Versprecher der quirligen Aufregung des Arbeiter:innen-Bezirks Neukölln oder der freudigen Erwartung des hohen Besuchs aus dem Kanzleramt geschuldet war, bleibt sein Geheimnis. Für einen Lacher zu Beginn der Veranstaltung sorgte es immerhin.

    Mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Grünen Bundesvorsitzende Annalena Baerbock, FDP Bundesvorsitzenden Christian Lindner, CDU Bundesvorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer und der wieder gesundete Peter Altmaier  sowie weiteren wichtigen Vertreter:inne:n der deutschen Politik, waren die angesetzten Vorträge und Diskussionsrunden hochkarätig besetzt. 

    Ergänzt wurde das Programm durch bedeutende Unternehmensvertreter:innen wie Janina Kugel (Managerin und Vorstandsmitglied bei Siemens), Angelique Renkhoff-Mücke (Unternehmensleitung Warema Renkhoff) und Dr. Ulrich Störck (Sprecher der Geschäftsführung PwC Deutschland).

    Großes Umdenken oder Schockstarre im Status quo?

    Imperativ in einer Vielzahl der politischen Reden und Diskussionen war das althergebrachte "Rückgrat der deutschen Wirtschaft": Auto und Stahl. Dass die Kohleindustrie entsprechend ausgedient hat, daraus wurde kein Geheimnis gemacht.

    Merkels Appell, dass es jetzt darum gehe, den Kohleausstieg schnellstmöglich abzuwickeln, weil schlicht und ergreifend keine Zeit mehr bliebe, behutsamer auf die 0%-Emissionen zu gelangen, wurde dementsprechend mit nur wenig Applaus belohnt. Sehr viel Applaus ernteten immerhin die Worte "... kein Platz für Rassismus in der deutschen Wirtschaft" von Ingo Kramer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).

    Bedauerlicherweise wurde das eigentliche Thema des Wirtschaftskonvents "Zukunft der Arbeit" nur gelegentlich gestreift, ohne dabei bahnbrechend neue Konzepte zu erörtern. In der Debatte des Digitalrats des BDA betonte Janina Kugel (Siemens) daher noch einmal: “Digitalisierung ist keine Delle in der wirtschaftlichen Entwicklung - sie ist etwas, das bleibt. Wir sind mittendrin!”.

    Dennoch verhallte dieser Appell in den allgegenwärtigen Konjunktiven der politischen Reden. Vordergründiger Tonus: Man hätte, sollte, würde früher dies und jenes entscheiden, andenken oder umsetzen können.

    Vereinzelt wurden in den Reden und Diskussionsrunden allerdings klare Forderungen an Länder und Unternehmen gestellt. Da nicht alles durch den Bund geregelt werden kann, müssten auch Unternehmen damit anfangen, sich ihrer Verantwortung bewusst zu werden und selbstständig Investitionen in nachhaltige Forschung und Entwicklung tätigen, bzw. hierfür Fördergelder abfordern. Merkel zeigte sich deutlich enttäuscht, dass die Forschungsförderung im Mittelstand nicht so angenommen würde, wie sie es sich erhofft habe.

    Die Zukunft gestalten andere

    Sehr beeindruckend und als ein wirkliches Highlight der Veranstaltung empfand ich die Preisverleihung des Deutschen Arbeitgeberpreises für Bildung, der bereits zum zwanzigsten Mal verliehen wurde.

     

    Der Preis zeichnet herausragende Projekte aus der Mitte der Gesellschaft aus, die dazu beitragen, Kinder und Jugendliche für Partizipation, Entfaltung und demokratische Grundwerte zu begeistern. In diesem Jahr wurden dabei eine Kita, zwei Schulen und eine studentische Initiative für ihr Engagement geehrt. Es fiel auf, dass die Initiativen maßgeblich von Frauen getrieben und initiiert wurden.

    Kleine Bühne für relevante Fragestellungen

    Apropos Frauen in der Arbeiterwelt: Schade war, dass für die tatsächlich unternehmensrelevanten Themen wie “Digitale Ethik - Werte und Bildung für morgen!” oder “Mehr Frauen in Führungspositionen - per Kultur oder per Gesetz?” nur eine kleine Bühne freigemacht wurde.

    Nach den Reden der Politikgrößen leerte sich die Veranstaltung merklich und die beiden genannten Themen-Panels wurden parallel abseits des Hauptsaals abgehalten. Beide Themen waren für mich gleichermaßen interessant, weshalb mich die unglückliche Organisation zwang, mich für eines der Panels zu entscheiden. Meines Erachtens offenbart sich der Charme derartiger Veranstaltungen aber in genau diesem Veranstaltungsteil.

    Vernetzt euch!

    Bei dem von IKEA augerichteten Panel “Mehr Frauen in Führungspositionen” war das Publikum vor allem eines: sehr divers! Männer und Frauen jeglichen Alters und aller Karrierestufen nahmen die Diskussion interessiert auf. Die Runde bildeten unter anderem Dr. Wiebke Ankersen (ALLBright-Stiftung), Franka Kessler (IKEA) sowie Juliane Seifert (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend). 

    Aus dem Panel rund um die immerwährende Streitfrage, ob eine angestrebte verstärkte Besetzung von Führungspositionen durch Frauen besser durch einen Kulturwandel oder durch eine gesetzliche Regulierung erreicht werden kann, bleiben mir vor allem drei Erkenntnisse in Erinnerung:

    Erstens bedauerten alle Diskussionsteilnehmerinnen zu Beginn des Panels ausdrücklich, dass kein Mann auf der Bühne zugegen war. Im späteren Diskussionsverlauf übernahmen zwei Herren aus dem Publikum diese Rolle.  Zweitens: Diversität ist ein klarer Wirtschaftsfaktor - mit oder ohne Quote. Wer also als Unternehmen im sogenannten Thomas-Kreislauf festhängt, wird abgehängt. Drittens sind viele Unternehmen nach wie vor damit überfordert, eine paritätische Besetzung ihrer Führungspositionen nach Geschlecht zu schaffen, weil sie sich schlichtweg in Ausreden flüchten.

    Mein Appell lautet: Vernetzt euch! Seid Mentorinnen und Mentoren, unterstützt jüngeren Kolleginnen und Kollegen auf dem Karriereweg. Nur durch Vorbilder können Glasdecken durchbrochen werden.

    Rumsitzen und zuhören

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es durchaus spannend war, so viele hoch rangierende Politiker:innen und Unternehmensverteter:innen an einem Tag zu erleben. Der Charakter der Veranstaltung bestand aber vor allem aus rumsitzen und zuhören. Es gab wenig Platz konstruktive Ideen zu entwickeln oder einzubringen.

    Eine gute Orientierung hierfür hat der Futurework-Kongress geboten, der ein paar Wochen zuvor in Berlin stattfand und ebenfalls vom BDA veranstaltet wurde. Hier konnte man mehr von Aufbruchstimmung in der Wirtschaft spüren.

    Es bleibt zu hoffen, dass die schlechteren Konjunkturprognosen, wie sie auf dem Deutschen Arbeitgebertag häufiger aufgestellt wurden, nicht dazu führen, dass Unternehmen in eine Schockstarre verfallen und ihre Ausgaben für Forschung und Entwicklung sowie Digitalisierung zurückhalten.


    Eva Stock, Head of Business Relations, Jobufo GmbHWie haben Sie den diesjährigen Deutschen Arbeitgebertag erlebt? Haben Sie gleiche oder andere Erkenntnisse mitgenommen?

    Eva Stock, Head of Business Relations und Recruiting-Expertin, freut sich auf einen Austausch an eva.stock at jobufo.com




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